Als wenn ich es nicht schön wüsste, so las ich als Bestätigung in der Wochenzeitung “Die Zeit” vom 16. Mai, dass in der neuesten Ausgabe der amerikanischnen Wissenschaftszeitschrift “Science” ein führender deutscher Ökonom namens Armin Falk behauptet, dass der Markt die Moral zerstört. Die Stärke dieses Ökonomen liegt darin, anhand von Experimenten festzustellen wie die Menschen real handeln.
Falk stört es, das die heutigen Ökonomen nicht mehr über Moral reden, sondern dieses den Philosophen überließen, und somit der Marktgedanke den Gemeinsinn aus dem Leben der Menschen verdrängt. Selbst der Urvater der Ökonomen “Adam Smith” war Moralphilosoph und nah an diesem Thema dran.
Nach Falk verführt der Markt den Menschen zu unmoralischem Handeln, weil er einen Abstand schafft zwischen dem Menschen und den Folgen der beschlossenen Entscheidungen. Denn wer macht sich schon Gedanken über die überfluteten Felder in Fernost, wenn er Möbel aus Edelholz kauft. Oder wer kauft nicht lieber das billige T-Shirt, ohne darüber nachzudenken, wo es hergestellt wird.
Diese Phänomen hat Falk zusammen mit der Kollegin “Nora Szech” in Form eines Experimentes überprüft. Sie wollten wissen, in wieweit der Verbraucher sich in einer Welt von Angebot und Nachfrage zu einer sogenannten “Sünde” hinreißen lassen wird. Die “Sünde” wird das Töten von Mäusen sein. Annähernd 200 Notebook-Computer wurden installiert, um aus dem Verhalten von fast eintausend studentischen Teilnehmern auf das Verhältnis von Markt und Moral zu schließen. Geld oder Leben, so war das Leitsatz festgelegt.
Die einzelnen Teilnehmer wurden vor einen Bildschirm gesetzt und vor die Wahl gestellt, zehn Euro zu gewinnen und dafür eine Maus zum Sterben zu verurteilen. Auf sich allein gestellt, entschieden sich 45 Prozent fürs Geld, in den Marktverhandlungen waren es 75 Prozent. Schon 45 Prozent sind sehr viel, schließlich bedeuten 10,- Euro im Vergleich für ein Leben eines Wesen nicht sehr viel. Aber wesentlich ist der Unterschied zum Markt, wo sich viel mehr Teilnehmer gegen die Moral entschieden.
Falk und Szech vergleichen ihr Experiment mit dem Alltag der Verbraucher in Deutschland. Viele Bürger erklären demnach, sie wären gegen Kinderarbeit oder Tierquälerei. Doch als Verbraucher am Markt ignorieren sie diese moralischen Werte, indem sie billiges Fleisch aus dem Supermarkt kaufen, oder die günstigsten T-Shirts der Warenhäuser bevorzugen. Natürlich wissen die Menschen um die schlechten Bedingungen in den sweatshops und Mastfarmen, aber weil diese Bedingungen für sie nicht greifbar werden, gelten diese auch nicht mehr viel.
Mit der Deutung des Experiments haben einige Ökonomen Schwierigkeiten, und behaupten, dass der Markt manchmal gegen noch schlimmere Formen der Ausbeutung helfe. Kinderarbeit in Bangladesch ist zwar schlecht, aber Hunger und Prostitution sind oft noch schlechter. Wächst dann die Wirtschaft, könnten sich viele aus der Ausbeutung befreien. Streit gibt es auch um die Frage, ob tatsächlich die Effekte des Marktes in diesem Experiment hervortraten.
Der Markt macht es Menschen manchmal sehr leicht, die Moral beiseite zu schieben. Das trat insbesondere bei den Bänkern zu Tage, die die Weltwirtschaftkrise auslösten, und trotz allem so weiter handeln wie bisher. Ähnlich verlief es in der bekannten “Milgram” Studie von 1961, wo Testpersonen die Teilnehmer eines Lernexperimentes auf Befehl mit Stromschlägen traktieren sollten, und dieses in großer Zahl auch taten.
Das Experiment von Falk und Szech kann als Appell dienen, sich wieder am Markt an die eigene Moral zu erinnern, sofern sie überhaupt vorhanden war.
(vgl. Uwe Jean Heuser, “Was ist ihnen das Leben dieser Maus wert?”, in: “Die Zeit”, 16. Mai 2013)
Als ich diesen Artikel las, musste ich auch unweigerlich an die ganze Fleischindustrie denken, man kann fast sagen “Fleischmafia”, wo es nur um den größtmoglichsten Profit geht, und dem Verbraucher um das beste aber günstige Stück Fleisch. Vor kurzem schrieb mir auf Facebook jemand zu meinem Kommentar über niedliche Kuscheltiere und den Verzicht des Fleischverzehrs, dass ein Gernehaben von Kuscheltieren und der Verzehr von Fleisch sich nicht ausschließe. Daran erkennt man meiner Meinung nach, wie der Verdrängungsmechanismus beim Menschen arbeitet.
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